Schweinejournalismus und Qualitätsgrippe

3. Mai, 2009

In den Medien hat sich in den letzten Tagen eine rätselhafte Grippe ausgebreitet. Fast alle Redaktionen der Welt waren oder sind von dem aggressiven Virus befallen. Experten sind vor allem schockiert von der hohen Mutationsrate des Virus. Allein in Deutschland sind mittlerweile vier verschiedene Varianten gesichtet worden: Schweinegrippe, Mexiko-Grippe, Amerika-Grippe und neue Grippe.

Die Infektion mit dem Virus äußert sich unter anderem durch folgende Symptome: Panik, Todesangst, übersteigertes Mitteilungsbedürfnis und Verlust der Fähigkeit rational zu denken.

Um eine Ansteckung zu vermeiden empfehlen Experten in den nächsten Wochen auf Zeitungen, Zeitschriften und Nachrichtensendungen zu verzichten. Sollten Sie bereits erste Symptome der Grippe verspüren wird die Lektüre eines Blogs Ihres Vertrauens empfohlen.

Passend dazu:

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Kultur im Fernsehen

30. November, 2008

Kultur im Fernsehen gibt es laut Marcel Reich Ranicki zu wenig. Ist das schlimm? Eintentlich nicht. Kultur gibt es ja im Internet genug.

Nachdem Elke Heidenreich gestanden hat, dass sie sich geschämt hat für das ZDF zu arbeiten (wer kann es ihr verdenken, viele schämen sich ja auch weil sie dafür bezahlen müssen) und das Programm als arm, verblödet, lächerlich und kulturlos bezeichnet hat, ist Ihre Sendung Lesen! leider abgesetzt wurden.

Dafür gibt es Lesen! jetzt monatlich unter litcolony.de im Internet. Ich hoffe, dass sich das schnell herumspricht und zu einem Erfolg wird. Wäre doch schön wenn es im Internet in Zukunft viele unabhängige Sendungen geben würde unter denen man sich die Besten aussuchen kann.


Börsenbeben [Update]

16. September, 2008

Spiegel-Online bemüht sich redlich aber erfolglos eine Panik an den deutschen Börsen herbeizuschreiben. Das zeugt von Verantwortung und ist in der aktuellen Krise genau das Richtige. Um 16:30 Uhr heißt es:

Spiegel Online

Zunächst hatte man morgens schon getitelt Börsenbeben – Finanzkrise drückt Dax ins Minus. Dort heißt es

Es dauerte nur ein paar Minuten, da war der Dax schon um rund 1,14 Prozent abgestürzt – nicht einmal zwei Stunden später waren es schon fast minus 1,7 Prozent.

Was für eine Katastrophe. Warum wird denn da der Handel nicht ausgesetzt? Aber es kommt noch schlimmer Goldman-Gewinn bricht ein, Dax stürzt ab.

Der Dax rutschte unmittelbar nach Bekanntgabe der Quartalsbilanz um rund drei Prozent ab.

Wow, was für ein Beben! Das ist mal ein Absturz. Das ist ja ein Drei-Jahres-Tief. Nein, eigentlich überhaupt nicht! Aber zum ersten mal in diesem Jahr unter 6000 Punkten. Nein, war er ja gestern auch schon. Aber ein Minus von rund drei Prozent, dass ist schon was besonderes. Naja, kommt eigentlich öffter vor, zum Beispiel vor zwei Wochen (am 04.09).

Wie auch immer. Nach diesem Börsebeben (insgesamt -1.57% zum Vortag) werde ich auf jeden Fall alle meine Ersparnisse von der Bank holen, Spiegel-Magazine kaufen und die unters Bett legen. Die haben eine höhere Wertstabilität als Aktien oder Geld und eignen sich perfekt als Anlage.

Update: Die Talfahrt am DAX geht laut Spiegel heute (17.09.08, 10:30) weiter. Das ist schon wieder die Topmeldung des Tages wert.

Spiegel Online 2

Da steht:

Die staatliche Rettungsaktion für den US-Versicherer kann den Dax nur kurzzeitig stabilisieren. Nach anfänglichen Gewinnen im frühen Geschäft geht der Leitindex wieder auf Talfahrt.

Was ist denn bei Spiegel Online los???? In Moment (10:30 Uhr) ist der DAX doch höher als am Vortag. Man fasst es nicht. Eine mögliche Erklärung wäre, dass der die Redakteure mit Optionsscheinen auf fallende Kurse spekulieren.


Interviews mit Putin und Saakaschwili [Update]

1. September, 2008

Leider muss ich schon wieder über die öffentlichen Sender schreiben. Die tun sich in Moment mit, sagen wir, sehr interessanter Berichterstattung über die Georgienkrise hervor. Zwei Beispiele:

Zum einen gibt es da ein Interview der ARD mit Putin, das von 27 auf 10 Minuten gekürzt wurden ist. Wenn man schon ein Exklusivinterview mit dem russischen Präsidenten ohne Einschränkung der Themen hat, dann sollte man natürlich maximal ein Drittel davon senden. Vor allem wenn danach, ab 23:40 Uhr, die über fünfstündige Sendung Der Kampf ums Weiße Haus – Die lange Nacht der US-Wahlen kommt (wirklich war!). Gute Arbeit! Die Leute bei der ARD wissen eben was Grundversorgung ist und was Priorität hat. Die Wähler in den USA werden ihnen dankbar sein falls sie Deutsch sprechen und die ARD empfangen.

Auch im Internet kann man das ungekürzte Interview nicht veröffentlichen, denn dann würden die Leute vielleicht merken was alles rausgeschnitten wurde. Das Interview mit Putin wurde aber anscheinend im russischen Fernsehen in voller Länger gesendet und dann ins Deutsche übersetzt. Bei Spiegelfechter kann man sich ansehen was der Kürzung zum Opfer viel. Das waren genau die Passagen, in denen der Westen kritisiert wird. Ich sage nicht, dass Putin mit dem was er sagt Recht hat aber ich Teile die Meinung von Spiegelfechter, dass (falls die Übersetzung bei Spiegelfechter stimmt) die Grenze zur Zensur hier eindeutig überschritten wurde. Besonders pikant ist, dass auch eine Passage rausgeschnitten wurde in der die ARD selber kritisiert wird:

Jetzt über den anderen Wert: Pressefreiheit. Sehen Sie nur wie diese Ereignisse in der amerikanischen Presse beleuchtet werden, die als leuchtendes Beispiel der Demokratie gilt. Und in der europäischen ist es ähnlich. Ich war in Peking, als die Ereignisse anfingen. Massierter Beschuß von Zchinwali, Anfang des Vorstoßes der georgischen Truppen, es gab sogar bereits vielfache Opfer, es hat keiner ein Wort gesagt. Auch Ihre Anstalt hat geschwiegen, alle amerikanischen Anstalten. So als ob gar nichts passiert.

Also wenn das mal nicht bezeichnend ist, dass ausgerechnet die Passage, in der es um Pressefreiheit und die ARD geht, gekürzt werden musste.

Als zweites Beispiel haben wir den bizarren Auftritt des georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili in der ZDF-Talkshow Maybrit Illner. Hier wird der sympathische Präsident und Feldherr vor dem Hintergrund der georgischen und der europäischen Flagge interviewed. Zunächst dachte ich: „Oh nein, die schaffen es ja nicht mal bei der Neujahrsansprache des Bundespräsidenten die richtige Fahne zu nehmen“. Dann merkte ich aber dass ich gar nicht ARD schaute (1,2) und auch nicht Neujahr war. So wie die anderen Gäste der Sendung, musste ich dann mitansehen wie Saakaschwili während der Fragen von Illner SMS schrieb um dann die taktische Lage auf einer Karte erläuterte, die während des Interviews ins Bild geschoben wurde. Wenn er aus versehen doch eine Frage mitbekam, dann ignorierte er sie auch mal indem er sie einfach als falsch bezeichnete.

Die knallharte und provokante Frage Illners, wen Saakaschwili sich als nächsten Präsidenten wünscht, ignorierte er zum Glück nicht. Gemeint war nämlich tatsächlich (kein Scherz!) der Präsident der USA und es gibt bestimmt nichts was die Leute in dieser Krise mehr bewegt. Die rhetorische Frage Saakaschwilis, wie man es in Deutschland fände wenn Bayern von einem anderen Land annektiert würde, beantwortete Illner im Gegenzug süffisant und lachend mit „ich kenne die Bayern nicht“ worauf man sich im, wie immer, hoch kompetenten Publikum vor Lachen kaum halten konnte. Ja ja, ist gibt doch nichts lustigeres als eine ordentliche Annektierung mit Bomben, Panzern und allem drum und dran.

Update: Die ARD hat sich nach der Kritik im Internet und vier Tage nach der Australung entschieden das vollständige Interview ins Netz zu stellen. Auch Thomas Roth hat mittlerweile auf die Kritik an der Kürzung des Interviews reagiert. Er schreibt:

Das Interview selbst war erheblich länger, was übrigens durchaus häufig vorkommt. Fernsehen, Radio, aber auch Zeitungen stellen in einem solchen Fall eine redaktionelle Fassung her, die dann in dem vorbesprochenen Rahmen auch veröffentlicht wird. Mit Zensur hat das nicht das geringste zu tun. Manche E-Mail-Schreiber scheint das zu bewegen.

Nein, Herr Roth, das Kürzen im Allgemeinen ist sicher nötig und hat mit Zensur noch nichts zu tun. Entscheidend ist aber was und wie gekürzt wird. Mir und anderen Zuschauern ist aufgefallen, dass erstens ausgerechnet die besonders kritischen Passagen gekürzt wurden und zweitens das Kürzen des Interviews überhaupt nicht nötig war, da es besser gewesen wäre die über fünfstündige Sondersendung zu den US-Wahlen auf fünf Stunden zu reduzieren.

Weiter schreibt Thomas Roth:

Ich habe zugelassen, dass das Interview durch mehrere russische Sender begleitet wird und nach einer vereinbarten Sperrfrist (20:00 Uhr Ortszeit) nach eigener Entscheidung veröffentlicht werden kann. […] Nur zum Verständnis: Hätte die ARD Interesse daran gehabt, irgendetwas nicht zu veröffentlichen, hätten wir uns gar nicht erst auf solche Bedingungen eingelassen. Also nichts durcheinander bringen!

Achso, da hab ich tatsächlich mal wieder einiges durcheinander gebracht. Erstens war mir bisher nicht ganz klar wie die ARD vorgeht wenn sie ein Interesse hat etwas nicht zu veröffentlichen. Zweitens hab ich da wohl irgendwie die Machtverhältnisse zwischen Roth und Putin durcheinander gebracht. Thomas Roth diktiert also die Bedingungen für die Interviews mit den Staatschefs der Welt. Die ARD ist für die ja auch die einzige Möglichkeit in Deutschland ein Forum zu finden.

Schließlich muss ich noch klarstellen, dass ich finde, dass es absolut nicht im Interesse der ARD ist wenn Tagesschau-Redakteure Interviews zensieren.


Ara Abrahamian und die Berichterstattung von den Olympischen Spielen

26. August, 2008

Der Ringer Ara Abrahamian aus Schweden hat bei den Olympischen Spielen in Peking während der Siegerehrung seine Bronzemedaille in den Ring gelegt und die Zeremonie verlassen (Spiegel Online, ARD).

In der DPA-Meldung die pflichtgemäß vom Olympiateam der ARD in Peking empfangen und verlesen wurde und auch auf Spiegel Online gebracht wurde, ist von einer umstritten Entscheidung der Kampfrichter im Halbfinale als Grund für den sogenannten Eklat die Rede. Hmmm, was war das denn für eine Entscheidung? Weder den Kampf noch weitere Informationen sind im Onlineangebot unserer öffentlichen Sender zu finden. Stattdessen ist die einhellige Meinung, Abrahamian wäre ein schlechter Verlierer, sei unsportlich und hätte die olympische Idee nicht verstanden.

Ich hatte bei der Sache irgendwie ein komisches Gefühl und hab mich mal bei einem lokalen Ringerverein über den Vorfall informiert. Dort hat man mir einen Link zu einem Video geschickt, das den Kampf zeigt, aber mittlerweile leider gelöscht wurde. Was da zu sehen ist, ist wirklich sehr merkwürdig: Abrahamian hatte die erste Runde verloren und die zweite Runde gewonnen. Daraufhin wurden die Ringer vom Ringrichter in ihre Ecken geschickt. Abrahamians Gegner Andrea Minguzzi, der später auch Gold gewann, blieb aber im Gegensatz zu Abrahamian einfach in der Ringmitte stehen und starrte die Kampfrichter außerhalb des Rings an. Dann wurden Zeitlupen von Szenen aus der zweiten Runde gezeigt. Plötzlich wurden die Zeitlupen abgebrochen und Minguzzi zum Sieger erklärt. Warum das so war, konnte man bei meinem Ringerverein nicht wirklich nachvollziehen. Man hat aber spekuliert, dass es zu mehreren seltsamen Fehlentscheidung gekommen ist. Die offizielle Version hat aber mit den Vermutungen der Experten wenig zu tun und ist noch abstruser. Sie wurde inzwischen auch offiziell vom CAS für falsch erklärt. Besonders komisch ist auch, dass nach dem Protest der Schweden nicht wie gefordert ein Videobeweis herangezogen wurde, der in den Regeln vorgesehen ist.

Ich möchte hier keine falschen Anschuldigungen erheben aber ich muss schon sagen, dass ich bisher wenig gesehen habe, das mehr nach Bestechung aussah. Ich kann also wirklich verstehen, dass Ara Abrahamian ziemlich enttäuscht war und die Presse irgendwie auf diesen Vorfall aufmerksam machen wollte. Ein Mitarbeiter unserer öffentlichen Sender hätte wenigstens mal bei den Offiziellen nachfragen können, was sie sich dabei gedacht haben. Die Geschichte nicht weiter zu verfolgen ist eine Sache. Das sehr auffällige Verhalten der Kampfrichter einfach zu verschweigen und Abrahamian als schlechten Verlierer hinzustellen finde ich aber schon ziemlich gemein und traurig.

Das Beispiel zeigt, dass die Berichterstattung des chinesischen Staatsfernsehens wahrscheinlich kritischer und objektiver ist als die der deutschen Medien und insbesondere von ARD und ZDF. Das fände ich nicht weiter schlimm wenn ich nicht aus irgendwelchen Gründen gezwungen würde für ARD und ZDF zu zahlen. Warum brauchen die beiden Sender insgesamt 500 Mitarbeiter? (Es gibt übrigens nur 436 deutsche Sportler.) France Télévision kommt mit 160 Mitarbeitern aus. Warum müssen ARD und ZDF immer abwechselnd mit eigenen Reportern berichten? Es wäre doch viel besser ein gemeinsames Team zusammenzustellen und eine gemeinsame Olympia-Übertragung abwechselnd auf ARD und ZDF zu senden. Warum interessiert niemanden, was das alles kostet? Warum wird den Offiziellen keine kritische Frage gestellt und immer nur IOC-konform berichtet? Ich möchte diesen Quatsch einfach nicht mehr bezahlen.


Internet macht Spiegel-Redakteure doof

12. August, 2008

„Macht das Internet doof?“ fragt sich die Spiegel-Redaktion indem sie den Aufmacher des amerikanischen Magazins Atlantic ins Deutsche übersetzt und als Leitartikel bringt.

Die Frage muss man wahrscheinlich teilweise mit ja beantworten, da die Redaktion des Spiegel sich früher (vor dem Internet) manche Artikel noch selber ausgedacht hat, also noch nicht ganz doof war.

Tatsächlich haben unabhängige Studien gezeigt, dass die durchschnittliche Intelligenz eines Spiegel-Redakteurs antiproportional zur Größe des Internets ist. Während der Spiegel in den 80ern noch jede Menge Politik- und Wirtschaftsaffären aufdeckte und tolle Artikel brachte, nimmt die Qualität im Spiegel seit Anfang der 90er im gleichen Maß ab wie das Internet wächst.

Aber was ich hier schreibe ist sowieso noch viel unbedeutender als ich selber dachte. Denn beim Spiegel weiß man:

Deutsche Online-Schreiber haben ein Problem entdeckt: sich selbst. Im Vergleich zu ihren US-Kollegen fehlt es ihnen an Macht und Bedeutung, um die öffentliche Debatte mitzubestimmen. Die meisten sind unpolitisch und rechthaberisch, selbstbezogen und unprofessionell.

Stimmt, auch für mich ist das ein großes Problem. Mir fehlt die Macht. Wie soll man auch gegen so tolle Leitmedien wie den Spiegel, der die öffentlich Meinung in Deutschland immer stärker beherrscht, ankommen. Es ist ja auch nicht so, dass sich Trends aus den USA ein paar Jahre später auch in Deutschland wieder finden. Sprich: Blogs werden hier immer unbedeutend bleiben.

Ach ja: Die Chefredakteurin des Tagesspiegel aus dem Bloggerartikel des Spiegel heißt anscheinend tatsächlich Mercedes Bunz. Wenn das mal kein cooler Name ist!


Obama und die Öffentlich-Rechtlichen

25. Juli, 2008

Mein Kollege Robert ärgert sich in seinem Blog darüber, dass Barack Obamas Rede live auf drei öffentlich-rechtlichen Sendern kam. Natürlich mit drei verschiedenen Übersetzern und nie im Original, denn wir sprechen in Deutschland ja zum Glück immer noch ausschließlich deutsch.

Ich finde diese Vielfalt in den Öffentlichen sehr gut und zahle gerne dafür. 7.3 Milliarden haben die öffentlichen Sender in Deutschland 2006 alleine an Gebühren bekommen. Hinzu kommen noch Werbeeinnahmen. Die müssen ja auch irgendwie ausgegeben werden und die EM ist ja nur einmal im Jahr.

Gerade heute, da es immer schwieriger wird im Internet unabhängige Meinungen und Berichte zu finden sollte man das Angebot der Öffentlich-Rechtlichen ausbauen. Ich suche schon lange nach einer tollen Seite auf der ich nicht nur die DPA-Meldungen sondern auch die von Reuters lesen kann. Nicht umsonst ist es eins der beliebtesten Hobbys von gelangweilten Rentnern, für unsere ARD Agenturmeldungen auszuschneiden. (Da soll noch einer sagen die Alten werden nicht mehr gebraucht!)

Das Internet wird sowieso überschätzt und ich hoffe darauf, dass die ARD in Zusammenarbeit mit Microsoft einen eigenen Onlinedienst gründet. ARD-Network@MSN oder so.

Update: Angeblich konnte man bei ZDF doch die Übersetzung abschalten.