Interviews mit Putin und Saakaschwili [Update]

Leider muss ich schon wieder über die öffentlichen Sender schreiben. Die tun sich in Moment mit, sagen wir, sehr interessanter Berichterstattung über die Georgienkrise hervor. Zwei Beispiele:

Zum einen gibt es da ein Interview der ARD mit Putin, das von 27 auf 10 Minuten gekürzt wurden ist. Wenn man schon ein Exklusivinterview mit dem russischen Präsidenten ohne Einschränkung der Themen hat, dann sollte man natürlich maximal ein Drittel davon senden. Vor allem wenn danach, ab 23:40 Uhr, die über fünfstündige Sendung Der Kampf ums Weiße Haus – Die lange Nacht der US-Wahlen kommt (wirklich war!). Gute Arbeit! Die Leute bei der ARD wissen eben was Grundversorgung ist und was Priorität hat. Die Wähler in den USA werden ihnen dankbar sein falls sie Deutsch sprechen und die ARD empfangen.

Auch im Internet kann man das ungekürzte Interview nicht veröffentlichen, denn dann würden die Leute vielleicht merken was alles rausgeschnitten wurde. Das Interview mit Putin wurde aber anscheinend im russischen Fernsehen in voller Länger gesendet und dann ins Deutsche übersetzt. Bei Spiegelfechter kann man sich ansehen was der Kürzung zum Opfer viel. Das waren genau die Passagen, in denen der Westen kritisiert wird. Ich sage nicht, dass Putin mit dem was er sagt Recht hat aber ich Teile die Meinung von Spiegelfechter, dass (falls die Übersetzung bei Spiegelfechter stimmt) die Grenze zur Zensur hier eindeutig überschritten wurde. Besonders pikant ist, dass auch eine Passage rausgeschnitten wurde in der die ARD selber kritisiert wird:

Jetzt über den anderen Wert: Pressefreiheit. Sehen Sie nur wie diese Ereignisse in der amerikanischen Presse beleuchtet werden, die als leuchtendes Beispiel der Demokratie gilt. Und in der europäischen ist es ähnlich. Ich war in Peking, als die Ereignisse anfingen. Massierter Beschuß von Zchinwali, Anfang des Vorstoßes der georgischen Truppen, es gab sogar bereits vielfache Opfer, es hat keiner ein Wort gesagt. Auch Ihre Anstalt hat geschwiegen, alle amerikanischen Anstalten. So als ob gar nichts passiert.

Also wenn das mal nicht bezeichnend ist, dass ausgerechnet die Passage, in der es um Pressefreiheit und die ARD geht, gekürzt werden musste.

Als zweites Beispiel haben wir den bizarren Auftritt des georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili in der ZDF-Talkshow Maybrit Illner. Hier wird der sympathische Präsident und Feldherr vor dem Hintergrund der georgischen und der europäischen Flagge interviewed. Zunächst dachte ich: „Oh nein, die schaffen es ja nicht mal bei der Neujahrsansprache des Bundespräsidenten die richtige Fahne zu nehmen“. Dann merkte ich aber dass ich gar nicht ARD schaute (1,2) und auch nicht Neujahr war. So wie die anderen Gäste der Sendung, musste ich dann mitansehen wie Saakaschwili während der Fragen von Illner SMS schrieb um dann die taktische Lage auf einer Karte erläuterte, die während des Interviews ins Bild geschoben wurde. Wenn er aus versehen doch eine Frage mitbekam, dann ignorierte er sie auch mal indem er sie einfach als falsch bezeichnete.

Die knallharte und provokante Frage Illners, wen Saakaschwili sich als nächsten Präsidenten wünscht, ignorierte er zum Glück nicht. Gemeint war nämlich tatsächlich (kein Scherz!) der Präsident der USA und es gibt bestimmt nichts was die Leute in dieser Krise mehr bewegt. Die rhetorische Frage Saakaschwilis, wie man es in Deutschland fände wenn Bayern von einem anderen Land annektiert würde, beantwortete Illner im Gegenzug süffisant und lachend mit „ich kenne die Bayern nicht“ worauf man sich im, wie immer, hoch kompetenten Publikum vor Lachen kaum halten konnte. Ja ja, ist gibt doch nichts lustigeres als eine ordentliche Annektierung mit Bomben, Panzern und allem drum und dran.

Update: Die ARD hat sich nach der Kritik im Internet und vier Tage nach der Australung entschieden das vollständige Interview ins Netz zu stellen. Auch Thomas Roth hat mittlerweile auf die Kritik an der Kürzung des Interviews reagiert. Er schreibt:

Das Interview selbst war erheblich länger, was übrigens durchaus häufig vorkommt. Fernsehen, Radio, aber auch Zeitungen stellen in einem solchen Fall eine redaktionelle Fassung her, die dann in dem vorbesprochenen Rahmen auch veröffentlicht wird. Mit Zensur hat das nicht das geringste zu tun. Manche E-Mail-Schreiber scheint das zu bewegen.

Nein, Herr Roth, das Kürzen im Allgemeinen ist sicher nötig und hat mit Zensur noch nichts zu tun. Entscheidend ist aber was und wie gekürzt wird. Mir und anderen Zuschauern ist aufgefallen, dass erstens ausgerechnet die besonders kritischen Passagen gekürzt wurden und zweitens das Kürzen des Interviews überhaupt nicht nötig war, da es besser gewesen wäre die über fünfstündige Sondersendung zu den US-Wahlen auf fünf Stunden zu reduzieren.

Weiter schreibt Thomas Roth:

Ich habe zugelassen, dass das Interview durch mehrere russische Sender begleitet wird und nach einer vereinbarten Sperrfrist (20:00 Uhr Ortszeit) nach eigener Entscheidung veröffentlicht werden kann. […] Nur zum Verständnis: Hätte die ARD Interesse daran gehabt, irgendetwas nicht zu veröffentlichen, hätten wir uns gar nicht erst auf solche Bedingungen eingelassen. Also nichts durcheinander bringen!

Achso, da hab ich tatsächlich mal wieder einiges durcheinander gebracht. Erstens war mir bisher nicht ganz klar wie die ARD vorgeht wenn sie ein Interesse hat etwas nicht zu veröffentlichen. Zweitens hab ich da wohl irgendwie die Machtverhältnisse zwischen Roth und Putin durcheinander gebracht. Thomas Roth diktiert also die Bedingungen für die Interviews mit den Staatschefs der Welt. Die ARD ist für die ja auch die einzige Möglichkeit in Deutschland ein Forum zu finden.

Schließlich muss ich noch klarstellen, dass ich finde, dass es absolut nicht im Interesse der ARD ist wenn Tagesschau-Redakteure Interviews zensieren.

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One Response to Interviews mit Putin und Saakaschwili [Update]

  1. otti sagt:

    Werte Damen und Herren der ARD,
    liebe Mitbürgerinnen und -bürger,

    helle Empörung geht um in unserem ansonsten recht tranigen Vaterland!
    War das ein ‚Interview‘?
    War das Zensur?
    War das Gefälligkeitsjournalismus?
    Oder einfach Hofberichterstattung?

    Fragen über Fragen, die ausführlich von kompetenten Leuten hier diskutiert worden sind.
    Der Tenor der Einschätzungen kann für die öffentlich-rechtlichen Medien nur als total verheerend bezeichnet werden.

    Deshalb erübrigen sich weitere Ausführungen zum Fall Roth. Einige grundsätzliche Anmerkungen jedoch sind gleichwohl geboten.

    Wenn man demoskopischen Erhebungen glauben darf, so haben Politiker (ganz unten) neben Journalisten das schlechteste Standing bei der Bevölkerung. Das heißt, dass die Bevölkerung durchaus nicht grundsätzlich mit der Arbeit der Medien einverstanden ist und Ungereimtheiten selbstverständlich zu registrieren weiß.

    Die Medien sollten das Schweigen der Mehrheit nicht als Zustimmung missdeuten. Auch die Mehrheit ist des Denkens fähig.
    Die Mehrheit ist mit Politik und Medien schlicht und einfach unzufrieden!

    Politik und Medien fallen über einen Menschen her, den sie als „Florida-Rolf“ gebrandmarkt haben, aber von weiteren ‚Liechenstein-Nikoläusen‘ hört man nichts.
    Für Ersteren wurden sogar Gesetze geändert, bei Letzteren wird geschwiegen.

    Welch eine beschämende Doppelmoral!

    Heute, wie regelmäßig, wird wieder von Preisabsprachen von Firmen in der Zeitung berichtet, wieder wird der Bürger geschädigt.

    Wieder wird der Bürger getäuscht und betrogen.
    Das ist die bittere Wirklichkeit in unserem Land.

    Und nun soll der georgische Aggressor auch noch wirtschaflich unterstützt werden?
    Das ist pure Unmoral!

    Wir sind das Volk.

    Nicht Frau Merkel.
    Oder die Medien.

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